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Tag: Amphi

2009: Blackfield statt Amphi.

von jl am Jul.22, 2008, unter Festival, Konzerte, Musik

Endlich genug Grund zur Freude und genug Leid zur gleichen Zeit um hier mal wieder ungefragt zu etwas Stellung nehmen zu müssen. Und zwar zum bisherigen Festivalsommer. So hatte ich im Ablauf weniger Tage gleich aufeinanderfolgend die Gelegenheit zu beobachten, wie unterschiedlich recht ähnliche Festivalprojekte aussehen können. Namentlich rede ich vom Amphi Festival am Tanzbrunnen zu Köln und dem Blackfield Festival am Amphitheater Gelsenkirchen. ODie Blackfield Bühne.bwohl das Blackfield hier ein gutes Stück kleiner ausfällt als der Kölner Event, sind die beiden noch in ein und dieselbe Klasse, der Mittelgroßen Indie Feste, einzuordnen und gerade wegen dieser grundsätzlichen Vergleichbarkeit, ist es hier möglich einmal darzustellen, wie man so etwas richtig oder falsch machen kann. Ja, in der Tat geht bei diesen Events die Erlebnissqualität derart diametral auseinander, dass man hier in der Tat von Gut und Böse, Schwarz und Weiß reden kann. So lassen sich hier Archetypen der Festivalorganisation aufzeigen, darstellen und am lebendigen Beispiel betrachten wie es sonst nur selten möglich ist.

Mein Betrachungswinkel.

Ich möchte die Betrachtung dabei möglichst objektiv ausfallen lassen und will zu diesem Zweck etwas außer acht lassen:  Das Line-Up. Ich gehe davon aus, dass beide Feste ein durchaus hochwertiges welches auf die Beine stellen konnten und will nicht darüber reden, ob Deine Lakaien konkret krasser sind als Lacrimosa, oder ob Heimataerde Nachtmahr total gekreuzzugt hätte. Auch die Tatsache, dass das Blackfield mit nur einer Bühne ein kleineres Line-Up anbot will ich hier zunächst außen vor lassen. Nicht einmal den Eintrittspreis will ich einbeziehen. Anstelle dessen vermute ich einfach, dass der Ticketkäufer einfach aufgrund der Angebotsbeschreibung geneigt ist, das Fest zu besuchen und das angekündigte zum jeweiligen Preis für angemessen hält.

Notwendige Kriterien für ein gutes Fest.
Damit ein Festivalbesuch im allgemeinen als erfolgreich betrachtet werden kann sind eine recht überschaubare Menge von Vorraussetzungen als gegeben zu betrachten:
Der Gast muss die Band sehen können wegen der er gekommen ist. Er muss innerhalb eines angemessenen Zeitraumes seine Stoffwechselendprodukte entsorgen können. Auch der Zugang zu sonstigen Einrichtungen sollte zügig gehen. Er sollte sich sicher fühlen, nicht gegängelt. Die Preise sollten angemessen sein um ein Gefühl von Abzocke im Keim zu ersticken.  Um diese Grundlegenden Axiome zu erfüllen, sind folglich bestimmte Einrichtungen notwendig und sie sind richtig zu planen und aufzustellen. An dieser Stelle beginnen Blackfield und Amphi sich zu trennen.

Blackfield vs. Amphi.

Während das Blackfield zwar über keine fest installierten sanitären Anlagen verfügt, hat es davon aber wenigstens angemessen viele. Dass der Amphi Veranstalter damit wirbt “Keine Dixiklos” zu nutzen wird zu puren Zynismus.Dem Kritiker wachsen lila Haare. Da wird das schlimmste Dixiklo oder der nächste Busch nach Toilettenwartezeiten bis zum Kolikschmerz zu einer strahlenden Vision. Dabei ist anzumerken, dass auch das Blackfield nicht auf Chemie, sondern aus fließendes Wasser setzte. Toilettewagen sind eine verfügbare und bezahlbare Dienstleistung.
Eine gute Sicherheit ist der nächste Punkt. Diese sollte nicht nur im Sinne des Veranstalters, sondern im besonderen auch im Interesse von Publikum und Künstlern handeln. Wer Konzerte und Festivals im Schwarzen Sektor kennt, der weiß, dass hier keine Kriseninterventionskräfte notwendig sind, sondern das eher de-eskalierend wirksame, nach Möglichkeit nicht völlig szenefremde Sicherheitsleute, mit der Fähigkeit wohlgeformte Sätze zu sprechen, die richtige Wahl sind. Auch hier Schlug das Amphi Festival in so grenzeloser Art und Weise fehl, dass man nur noch von einer Travestie des Konzeptes Ordnung sprechen kann. Da wurden der größte Unsinn mit großer Mühe umgesetzt. Menschen wurden durch einen viel zu kleinen unbeleuchteten Durchgang in eine für den Andrang unterdimensionierte Halle gequetscht. Wartezeiten von 30 Minuten und mehr waren keine Seltenheit. In dem düsteren Durchgang der direkt vor ein Gitter führte war bei gedämpfter Bühnenbeleuchtung präzise nichts zu sehen, was zu Rempeleien, Stürzen und möglicherweise hemmungslosen Sex geführt hat, wobei letzteres zumindest niemanden aufgefallen wäre. Um zur Toilette zu kommen musste man diese Halle natürlich verlassen und die Prozedur von neuem beginnen. Einige Durchgänge wurden bewacht, aber diverse “Ausnahmen”, offensichtlich nach Gesicht, führten mehrfach zu Diskussionen. Mitbesucher konnten beobachten wie zwei Security Leute einen Mann verfolgten der drohte diese Unregelmäßigkeiten zu melden und dabei lässig den Zugang unbewacht ließen, der Grundlage des Disputs war. Aber ich will der Sicherheit selbst auch nicht zu viel ankreiden, denn offensichtlich widersinnige Anweisungen der Leitung tragen nicht zur Motivation bei.  Künstler waren nicht dazu in der Lage, Ausrüstung und Freundin gleichzeitig zu ihrem Fahrzeug zu bringen, weil diese nicht mal ihre Freundin Backstage eskortieren Motivierte Musiker. Motiviertes Publikum.durften. Eine gute Maßnahme vielleicht wenn man die Künstler aus dem Backstage jagen und zu mehr Publikumskontakt bewegen möchte. In diesem Rahmen führte das aber nur zu absurden Situationen, zusätzlichen langen Diskussionen und zu verärgerten Künstlern die sich nicht so wirklich ernst genommen fühlten. Das kann für die sonstigen Besucher zwar eigentlich egal sein, aber normalerweise ist es doch so, dass bei einem Fest für eine positive Stimmung wert gelegt werden soll. Künstler im Publikumskontakt die Grund zum nörgeln haben gehören da aber sicher nicht zu den wünschenswerten Konstellationen. Insbesondere dann nicht, wenn Musiker nach dem Tag ihres Konzertes nicht wieder kommen dürfen, ohne ein Ticket zu kaufen. Das ist schon kleinkariert, wenn auf der anderen Seite die Verkaufskarten nicht angemessen limitiert werden. Der Überverkauf an Karten war an allen Ecken und Enden spürbar. Die Schlangen waren überall lang, auch bei den Fressbuden und Getränkehändlern, die zu allem Überfluss auch noch selbst für Festivalverhältnisse teuer waren. 4€ für einen halben Liter Wasser ist absurd, aber da nicht mal Tetrapacks auf dem Gelände gestattet waren, ein machbarer Preis. Jede Bude gab dabei unterschiedliche Pfandmarken heraus und nahm die Behälter der anderen nicht an. Skuril, schlicht skuril. Die beiden Frauen an der Kasse die rund 10 Minuten pro Person brauchten um einen  Namen auf einer EDV gestützten Gästeliste zu finden seien nur am Rande erwähnt.
Wie sah das beim Blackfield aus? Da gibt es wenig zu berichten. Alle konnten schnell und sicher überall hinein und hinaus laufen. Die Sicherheit erschien nicht nur Kompetent, sondern beinhaltete durchaus clevere, nette und kompetente Leute die zum Teil sogar einen Szenebezug hatten und wissen wie man auch mit den Leuten umzugehen hat, die nicht in die Kategorie des hilflosen Betrunkenen, oder des Profi-Randalierers fallen. Die Künstler hatten einen eigenen Zugang zum Bühnenbereich, der Transport der Ausrüstung wurde zum Kinderspiel. Das ist alles. Keine Beschwerden, keine Probleme. Warum sich weiter anstrengen? Man kann ja einfach erstmal glücklich damit sein, dass sich alle so furchtbar freuen. Anwesende Verantwortliche hatten stets die Ohren offen für etwaige Kritik, Detailverbesserungen können so zum nächsten Jahr in Angriff genommen werden. Und selbst hier wird nachgefragt: Das Blackfieldprogrammheft beinhaltete in der Tat einen Bewertungsbogen, wie er bei moderner Qualitätssicherung üblich ist. Die Folge ist eine positive, entspannte Stimmung beim Blackfield Festival im Gelsenkirchener Amphitheater, mit ordentlichen Shows motivierter Leute.

Das Urteil:
Es bleibt mir unklar was Veranstalter dazu treibt seine Stakeholder zu verärgern, was ihn davon abhält bei einem ausverkauften Festival einen zusätzlichen Toilettenwagen zu mieten. Dieses Verhalten macht einfach keinen Sinn. Das Amphi Festival riecht, hier im Gegensatz zur Konkurenz, stark nach dem Willen zu einem grenzenlosen Wachstum jenseits von Vernunft. Es geht scheinbar nur um Quantität, um Zahlen, vielleicht auch irgendwelche Ego Geschichten das größte zu haben. Aber es geht kaum um das Pulikum und sicherlich zuletzt um einen Gemeinschaftsgedanken.
Zuletzt die Gerüchteküche: Dass Mike Kanetzki, bekannt für seine sehr erfolgreiche EOD Partyserie, seine Party in der Essigfabrik im Kontext des Festivals beworben hat ist dumm, denn er hat gar keine Rechte am Namen des Amphis. Aber das Amphi Festival reagiert da gleich wie ein Profi: Kanetzki, überall szenebekannt, bekommt nicht etwa einen unfreundlichen Anruf sondern wird gleich kostenpflichtig abgemahnt. Gerüchteweise im vierstelligen Bereich, mit Unterlassungerklärung und allem was dazu gehört. Und das bei einem vermutlich kaum vorhandenen Schaden: Der Wartesaal, Location des offiziellen Warmups hat vielleicht 800 Personen Kapazität. Die Essigfabrik fasst möglicherweise etwas mehr Leute, aber ernsthaft: Wer glaubt bei einem mit 13000 Tickets ausverkauften Festival mit einer Warmup Party für nur 800 Leute den ganzen Mob bedienen kann und dabei auch noch glaubt, eine zweites Angebot könne da in er Tat kommerziell schaden, der stellt auch zu wenig Toiletten auf. Der Gästepool ist groß genug. Was rechtmäßig ist, ist nicht gleich guter Ton. Von irgendwelchem “Für die Szene” Gewäsch kann hier keine Rede mehr sein, das ist Hauen und Stechen auf höherem Niveau. Rechtmäßig oder nicht, so was hinterlässt einen faden Beigeschmack.
Meine Empfehlung: Blackfield 2009. Mit VNV-Nation. Ohne idiotie.

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