Banken, Daten, Kundenorientierung.

Banken sind rückständige, reaktionäre Unternehmen. Kunden sind ein notwendiges Übel um, archaischen Ritualen folgend, kleine Zahlen in Datenbanken mal hin und mal her zu schieben zu dürfen. Hätte die Sparkasse Bochum in Ihrer Hauptstelle nicht so freundliche Kundenbetreuer, würde ich das in der Tat in uneingeschränkt glauben. Dennoch: Sieht man vom Aufstellen tausender Geldautomaten ab, ist nicht erkennbar welche Art von Innovation im Privatkundenbereich in den Vergangenen 30 Jahren überhaupt von statten gegangen sein soll. Insbesondere die Datenverarbeitung scheint ein im besonderen ungeliebtes Kind zu sein und das verleitet die Banken Deutschlands zum ausbilden bizarrer Auswüchse. Einer der Größten ist die maximal verfügbare Speicherfrist von 180 Tagen bei Kontobewegungen. Das möchte ich hier heute einmal genauer beleuchten.

Ein Überweisungsträger einer Bank oder Sparkasse in Deutschland verfügt über 193 Felder für einzelne Zeichen. Unterstellte ich, dass bei der Digitalisierung dieser Daten tatsächlich der ASCII Zeichensatz verwendet würde, entspräche eine Buchung in einer dieser Institutionen rund 193 Byte. Plus Zeitstempel. Ein Hauch mehr als eine SMS. Um das in Kontext zu stellen: Ginge ich davon aus, dass auf einem Bankkonto pro Tag 10 Bewegungen zu erwarten sind, so entspräche das einem Gesamtdatenvolumen von rund 700kB. Im Jahr. Das entspricht etwa der Menge an Daten die übertragen wird, wenn man heute die Startseite der Deutschen Bank lädt. Oder anders: Der Speicherchip in meinem Smartphone könnte sich spielend meine Transaktionen der nächsten 20000 Jahre merken. Bei einem Harddisk-Speicherpreis von etwa 15 cent je Gigabyte plus Redundanz, Backup, Strom, Service kann ich großzügig Kosten von etwa einem Euro pro Gigabyte und Jahr in einem Rechenzentrum abschätzen. Das reicht für die Kontenbewegungen von etwa 1000 Privatkunden spielend aus. – In einem Szenario des Schlimmsten Falles.

Will man heute Datensätze einer Geldtransaktion wiederbeschaffen, die älter sind als 180 Tage, dann kostet das zum Beispiel bei der Deutschen Bank €10,- pro Kontoauszug. Gesetzt dem Fall, man brauchte die Daten von zehn Transaktionen für die jeweils ein eigener Kontoauszug gezogen wurde, schlüge diese Anfrage nach weniger als 2KB Nutzdaten sich in einem Preis von €100.- nieder. Glaubt man, damit sei Preistechnisch das Ende der Fahnenstange erreicht, wundert man sich über €15,- die von der Commerzbank pro Auszug verlangt werden. Die Sparkasse Gelsenkirchen erklärte, dass bei einer solchen Anforderung der Aufwand des Mitarbeiters, der für die Beschaffung der Daten abgestellt wird mit €30/Stunde in Rechnung gestellt werde. Die Vorstellung, dass Bankiers sich durch Archive von Microfilmen arbeiten müssen ist zwar gewissermaßen romantisch, aber hoffentlich auch völliger Unsinn. Die Datenmenge über die wir hier reden ist so sehr zu vernachlässigen,  dass ein solches Handeln jedem ökonomischen Denken widerspräche. Oder als würde man daheim jede Facebook Nachricht die älter ist als sechs Monate händisch ausdrucken, abheften und dann nur noch auf Papier lesen, weil der Zugriff auf die ja weiterhin vorhandenen digitalen Daten jetzt verboten ist. Während einem durchschnittliche Freemail Dienste mehrere Gigabyte Speicher kostenlos zur Verfügung stellen und täglich für jeden ihrer Nutzer hunderte von Datentransaktionen verwalten, speichern, filtern, da simulieren Banken, dass ihre Daten wertvoller, komplizierter oder schwergewichtiger sind als andere. Dabei muss jedem langsam klar sein, dass das großer Unsinn ist.

Warum bietet mir meine Bank anstelle einer völlig unsinnigen und antik erscheinenden Datenhaltung nicht etwas an, das zeitgemäß ist? Warum Löschfristen? Warum kann ich Kontenbewegungen nicht direkt Rechnungen zuordnen?  Vielleicht mit einer Smartphone App zum abfotografieren von Papierbelegen? Texterkennung? Volltextsuche? Reporting? Warum kann das online banking mir nicht die Frage beantworten, wie oft ich im Jahr bei Amazon einkaufe? Vielleicht weil die Bank fürchtet, dass ihr Kunde sich so über sein unsinniges Konsumverhalten klar werden könnte und weniger Verbraucherkredite braucht?

Wenn Google mir zur Google-Suche auch einen Mail-Dienst, Kalender und Office Programme zur Verfügung stellen kann, warum kann mir keine deutsche Bank eine Buchhaltungs- und Steuer Software in mein Konto integrieren? Wovor haben Banken da eigentlich Angst? Um da polemisch zu werden: Wenn Banken wegen ihrer “Systemrelevanz” gar nicht mehr pleite gehen können, ist doch das Entwickeln oder  zukaufen einer solchen Software, die das Leben aller verbessern könnte, nicht einmal ein relevantes betriebliches Risiko.Die Zukunft ist bereits da, aber sie ist, wie immer, ungleich verteilt. Und Banken sind an ihrer Privatkundenseite Lichtjahre weit weg davon. Während sich Händler an den Börsen darüber sorgen, ob sie bei der Übertragung ihrer Aufträge mit Lichtwellenleitern oder per Mikrowellenübertragung näher an der Lichtgeschwindigkeit sind, gaukeln Banken ihren Privatkunden vor, dass Banken mit moderner Technik und zeitgemäßen Diensten nichts zu tun hätten. Damit muss Schluss sein.